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Wer jetzt keine Angst vor Uhrmacherschraubendreher, Bandzugwaagen oder Messuhren hat, ist eingeladen, sich mit mir als Feinmechaniker zwischen Beruhigungsrolle und Schwungmasse zu begeben.

 

Foto: Mess- und Justierwerkzeuge für analoge Bandgeräte

 

Für eine  Beschreibung zur Restaurierung eines Studiomagnettongeräts habe ich eine Maschine ausgesucht, die von der Mechanik und der Elektronik her gerade wegen ihres übersichtlichen, einfachen Aufbaus ein Paradebeispiel für Präzision auf mechanischem und elektronischem Gebiet darstellt und gleichzeitig dabei aber höchst servicefreundlich ist.  Außerdem war sie der „Quasi-Standard“ in den meisten Rundfunkanstalten und Ton-Studios. Heute wird sie zur Digitalisierung von Bändern eingesetzt. Andere Maschinen (zum Beispiel solche von Studer oder Otari) haben vergleichbare Eigenschaften, jedoch ist die Vorgehensweise beim Restaurieren oder Überholen teilweise unterschiedlich. Vom Prinzip her haben aber alle das gleiche Ziel: Schallschwingungen auf analoge Weise in Magnetismus auf einem Band zu wandeln. Für Fragen und Anregungen stehe ich natürlich, wie immer, gern mit Tipps und Unterlagen der Hersteller zur Verfügung (www.apelton.de)

 

Die Telefunken M15A – analoge Spitzentechnik für die magnetische Tonaufzeichnung

Ein Klassiker – dem man es auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht. Obenauf sind nur wenige, spartanisch angeordnete Bedienelemente zu erkennen. Ohne aufgelegtes Band wirken zum Beispiel die Aufnehmer für die Wickelteller unscheinbar und schwach.

Beherrscht wird die Oberfläche von der großen Andruckrolle und den Bandberuhigungsrollen (so heißen sie tatsächlich), die einen großen Durchmesser haben und beim Berühren und Hin- und Herdrehen mit der Hand ein wenig spüren lassen, was gute Lagerung heißt.

 

Foto: M15A in der Aufsicht: Man erkennt deutlich die nüchterne Anordnung der Bedienelemente

 

Die Köpfe verschwinden unter einer stabilen Abdeckung und man kann sie nur sehen, wenn man sich weit über die Maschine beugt, ja fast einen Kopfstand macht  (bei deutscher Schichtlage).

Ganz unten links sind die typischen sehr großen, beleuchteten Tasten für die Laufwerksteuerung, in der Mitte unter den Köpfen eine schmucklose 4-stellige elektronische Band-Zeit-Anzeige. Sie zeigt Minuten und Sekunden sehr genau an, denn selbst bei wiederholtem Hin- und Herspulen hat sie nur minimalen Schlupf.

Unter einer Klappe rechts unten befindet sich (von rechts) der Netz-Hauptschalter, der Geschwindigkeitswähler (meist werden die Geschwindigkeiten 19 und 38 cm/sec. Im Studio verwendet) und der Remote-Schalter, der, wenn er gedrückt ist, die gesamte Bedienung an der Maschine selbst unmöglich macht. Die Oberfläche der Klappe ist gleichzeitig die Schneide- und Klebeeinrichtung für das Band.

 

Etwas ganz Wichtiges Registrierinstrument für Studiomaschinen möchte ich nicht unterschlagen: Es ist der Betriebsstundenzähler, der die Einhaltung der Wartungsintervalle (5000 bzw. 10 000 Stunden) einzuhalten erleichtert. Schön, wenn dieser 4 - stellig ist und gerade ein paar hundert Stunden anzeigt. So weiß man nie, wie oft er schon über 9999 hinausgelaufen ist, und wie „alt“ die Maschine wirklich ist. Ich hatte kürzlich eine Maschine mit 5-stelligem Stundenzähler zur Restaurierung. Er zeigte rund 75 000 Stunden. In einem Wiedergabekanal war nur ein Tantal-Kondensator verbrannt.....

Diese Maschinen vom Typ Telefunken oder AEG M15 oder M15A erfuhren in ihrem Lebenszyklus zahlreiche Entwicklungen und Erweiterungen. Da sie schon bei der Konstruktion als „Baukasten“ entworfen wurden, waren Ergänzungen leicht realisierbar. Die größten Versionen waren neben der 1/4“ - Maschine die 1“ - und 2“ - Geräte mit bis zu 32 Spuren auf denen Karajahn aufnehmen und schneiden ließ, auf denen ABBA und weitere Größen der POP-Kultur ihre Hits einspielten. Ein seltenes Gerät in meinem Fundus ist eine echte Quadro-Maschine der DGG.

 

Foto: Köpfe auf einer M15A Quadromaschine. Deutlich sind die 4 Spuren auf einer Breite von 1“ erkennbar

 

Ferner gab es Geräte mit Pilotton (sie konnten synchron zum Film laufen) oder solche mit Timecodeeinrichtung für den Ton zum Video. Für die weitere Abhandlung ist es unwesentlich, wieviele Spuren eine Maschine hat: Die Mechanik und deren Justage ist bei allen Formaten sehr ähnlich.

 

Die ersten Wartungsschritte

Für den Betrieb einer echten Bandmaschine müssen zwei „Gewerke“ perfekt zusammenspielen: Die Mechanik und die Elektronik. Das eine kommt ohne das andere nicht aus. Erhält man aus einem Fundus ein Gerät und möchte dieses wieder reaktivieren, sollte man es zunächst gut reinigen, die Mechanik untersuchen und gegebenenfalls zerlegen und säubern. Hier sollte man sich beim Zerlegen die Reihenfolge für das spätere Zusammenbauen merken. Keine Sorge – ein mechanisches Uhrwerk ist komplizierter aufgebaut.

Zum Reinigen der Teile, die mit dem Band in Berührung kommen, benutzt man vorteilhaft reinen Alkohol in Form von Spiritus oder Ethanol.  Andere Lösemittel greifen Gummi- oder Plastikteile an, die ebenfalls in solch einer Maschine Verwendung finden. Alu- oder lackierte Oberflächen habe ich aber auch schon mit Wasser, Universalreiniger und Bürste wieder zum Glänzen gebracht. Bei der Behandlung auf diese Weise sollte man aber darauf achten, dass möglichst keine Flüssigkeit in die Lager gerät, vorhandenes Schmiermittel wird dadurch verdünnt und ausgewaschen. Wenn drehende Teile wie Bandberuhigungsrollen oder die Wickelmotoren rauh laufen, ist meist das Auswechseln eines oder mehrerer Lager unumgänglich. Die Lager sind auch heute noch, da genormt, ohne Probleme erhältlich. Bei älteren Modellen laufen Andruckrolle oder gar die Tonwelle in sogenannten „Sinterlagern“. Der Tonmotor ist kollektorlos und wiegt nur 800 Gramm. Die ganze Maschine bringt 55 Kilogramm auf die Waage.

 

Foto: Tonmotor der M15A

 

Diese haben die Eigenschaft, fast ohne Schmiermittel spiel- und verschleißfrei zu laufen. Bei ihnen genügt nach dem Auseinandernehmen eine gute Reinigung und anschließende Schmierung mit Sinterlagerfett. Falls ein solches Lager durch Korrosoin merklich Spiel haben sollte, hilft leider nur ein kompletter Ersatz. Zum Reinigen der Bandführungen und der Köpfe kann man mit Alkohol getränkte Wattestäbchen benutzen. Sehr hartnäckigen Schmutz entfernt man nach Einweichen mit einem hölzernen Zahnstocher. Niemals härteres Material verwenden – die Oberflächen, besonders die der Tonköpfe, sind sehr weich!

 

 

 

Das erste Einschalten

Jetzt kann man es wagen, das Gerät einzuschalten. Bei einer M15A leuchtet eventuell die Geschwindigkeitsanzeige, wenn die entsprechende Lampe nicht durchgebrannt ist. Bei der 38er Geschwindigkeit ist das meist der Fall, da 90% aller Maschinen mit dieser betrieben wurden. Vielleicht leuchtet die Kontrolleuchte für die Geschwindigkeit „19“ nach Betätigen des mittleren Schalters unter der Klappe. Drückt man nun den Bandfühlhebel auf der rechten Seite nach innen, läuft der Tonmotor an. Irritierend ist bei genauem Hinsehen der Antrieb der Tonwelle. Ein sehr kleiner Motor, dessen Durchmesser gerade mal 50mm incl. Gehäuse beträgt, treibt eine riesige Schwungmasse über einen von einer Spannrolle unter konstanter Spannung gehaltenen, breiten Synthetik-Gummiriemen.

 

Foto: Tonwellenantrieb

 

Dieser Antrieb verleiht der Maschine jetzt auch das charakteristische Laufgeräusch: Ein mehr oder minder lautes Zischen, abhängig von der Geschwindigkeit, ertönt, wenn die Maschine ohne Gehäuse betrieben wird und die Tonwelle läuft. Hier haben wir bei einer ersten Wiederinbetriebnahme eine weitere Möglichkeit, eine kleine Wartung durchzuführen: Ein klein wenig Talkum, auf den Gummiriemen aufgetragen und einmassiert, hilft, den Geräuschpegel zu senken und das Gummi geschmeidig zu halten. Talkum gibt’s im Autozubehör-Handel oder bei der Partnerin im Schminkkästchen: Gesichtspuder ist das Zaubermittel, der Parfümduft lässt mit der Zeit nach.

 

Ein Logik-Fahrplan – völlig ohne Mikroprozessor

Nach ca. 8-10 Sekunden Hochlauf sollte die Stoptaste aufleuchten, wenn die Lampe in Ordnung ist – siehe oben: Dies ist das Zeichen, dass die Solldrehzahl erreicht ist. Unter Festhalten des Fühlhebels können wir jetzt auch einmal die Start-Taste drücken. Mit einem für ältere Tontechniker sehr vertrauten Klacken zieht der Andruckmagnet die Andruckrolle gegen die Tonwelle und der rechte Wickelteller läuft mit recht hoher Geschwindigkeit im Gegenuhrzeigersinn. Die Stoptaste erlischt, die Starttaste leuchtet auf. Die Maschine befindet sich im Wiedergabemodus. Wird jetzt mit der Starttaste gleichzeitig die Aufnahmetaste gedrückt, so leuchtet diese auch auf – das Gerät würde jetzt aufnehmen. Der nächste Test ist die Umspulfunktion: Nach Drücken der Umspultaste ganz links kann mit Hilfe des Rangierhebels zwischen der Aufnahme- und Wiedergabetaste die Geschwindigkeit der Wickelmotoren auf maximale Drehzahl gebracht werden. Gleichzeitig lassen sich mit diesem Test die Wickelmotorlager auf Geräusche untersuchen. Wird jetzt der Fühlhebel losgelassen, geht die Maschine in Stop-Funktion und auch der Tonwellenmotor schaltet sich ab. Allein die Geschwindigkeitsanzeige und das Zählwerk deuten noch darauf hin, dass die Maschine eingeschaltet ist. Diese kleine Fahrplan-Beschreibung soll aufzeigen, dass die Maschine neben der analogen Elektronik für Aufnahme, Wiedergabe und Löschen noch eine Steuerelektronik für das Laufwerk enthält. Sie erhält ihre Befehle zum einen durch das Betätigen der Tasten aber auch durch mehrere kleine Magnet- und Mikroschalter an Fühlhebeln und auch den Wickeltellern. Die gesamten Befehle (Tastenbetätigungen) und Rückmeldungen (Schalter) laufen auf einer Platine zusammen, die sinnigerweise Logikplatine LG12 heißt. Diese Platine befindet sich in einem kleinen Einschubträger hinten in der Maschine. Ein Elektro-Warnpfeil auf dem Deckel deutet darauf hin, dass hier auch gefährliche Spannungen auf den Platinen sind. Es sind die Versorgungsspannungen für die Wickelmotoren.

 

Foto: Bestückungsplan mit Lötbrücken auf der Platine LG12 aus: Telefunken-Handbuch

 

Auf dieser Platine wimmelt es von NOR-, NAND-, OR-, und &-Gliedern in Form von ICs. Beim Lesen des Schaltplans wird man automatisch an Schaltalgebra erinnert. Hier lassen sich auch einige Laufwerksfunktionen durch Lötbrücken „programmieren“. Sollte eine Maschine „spinnen“, also der Bandtransport nicht richtig funktionieren, die Motoren laufen an und lassen sich nicht stoppen oder ähnliches, kann es sein, dass ein Befehl (Tastenschalter) nicht richtig ankommt oder ein Mikroschalter verharzt ist. Selten ist es ein Fehler in der Elektronik dieser Platine. Wenn es doch der Fall sein sollte, muss man sehr tief in diese Schaltung eindringen. Genauere Beschreibungen befinden sich in den Original-Handbüchern. Aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass diese Bauteile sehr zuverlässig sind.

 

Auflegen eines Bandes

Wenn diese Funktionen getestet sind, kann ein (altes, gebrauchtes) Band aufgelegt werden. Jetzt zeigt sich genauer, ob die Logik auch unter diesen Bedingungen funktioniert (Wiedergabe, Rangieren, Umspulen) und vor allem: Ob die Mechanik stimmt. Es lässt sich schnell mit bloßem Auge erkennen, ob sich das Band verkantet, weil vielleicht ein Wickelteller zu hoch oder zu tief sitzt, ob sich die Justage der Bandführungen zwischen den Köpfen verstellt hat, oder ob ein Fühlhebel verbogen ist.

 

Foto: Bandlauf vor dem Wiedergabekopf

 

Beim schnellen Spulen sollte der Wickel glatt und straff genug sein. Das Abnehmen der Spule, die in der Regel als offener Wickel (Pancake, wegen der rötlichen Färbung des Magnetbandes genannt) frei über einem Aluminiumteller schwebt, sollte nicht im Chaos des Bandsalats enden. Eine Einstellung des Drehmoments für den Wickelbetrieb geschieht recht einfach mit dem Verstellen von Rändelschrauben.

 

 

 

Foto: Bremsanlage der M15A aus: Telefunken-Handbuch

 

Als Höhen-Maßstab für die Bandführung bei Aufnahme und Wiedergabe dienen die Köpfe. Diese sind mit einer Toleranz von +- 5µm montiert. Nach diesem Maß richten sich alle mechanischen (Höhen-)Einstellungen. Mit etwas Gefühl und einem guten Auge lassen sich so die Justagen vornehmen, damit das Band, ohne sich zu verziehen, vor den Köpfen vorbeiläuft. Zur Kontrolle, wie weit die Köpfe in das vorbeilaufende Band eintauchen, kann man den Kopfspiegel mit einem Fettstift einfärben und nach Vorbeilaufenlassen eines kurzen Bandteiles den abgeriebenen Fettspiegel begutachten. Der Kopf sollte mittig in das Band eintauchen. Den Hinweis, auch wieder zum entsprechenden „Werkzeug“ der Partnerin zu greifen (diesmal ist es der Lippenstift) verkneife ich mir jetzt. Das Band mit dem Fettabrieb bitte nicht mehr weiter benutzen.

 

 

Play und Record

Jetzt steht nichts mehr einem weiteren Schritt im Wege: Das Gerät mit einem Mischpult oder einem Messgerät zu verbinden und auf Wiedergabe oder Aufnahme zu schalten. Wenn dann die ersten Töne erklingen, ist der Punkt erreicht, die nächste Seite aufzurufen, denn hier geht es um die elektrische Justage der Bandmaschine. Mit recht einfachen Mitteln lassen sich die Köpfe justieren und die Pegel einstellen. Das Gerät wird auf eine bevorzugte Bandsorte eingemessen. Einzig für die Einstellung des Wiedergabeteils wird ein Meß- oder Bezugsband benötigt, aber da kann ich wiederum helfen: Ich besitze einen Bezugskopfträger für die Bandbreite 1/4“ und kann ein solches herstellen.