Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 Am Beispiel der klassischen Studio-Verstärker in Kassettenform, deren kryptische Bezeichnungen wie: V72, V76, V72a oder V74a lauten, möchte ich Ihnen aufzeigen, was Sie beachten sollten, wenn Sie diese oder andere ältere Röhren-Geräte in Ihrem Studio reaktivieren. Von außen jedenfalls sieht man diesen Metall-Kassetten zunächst gar nicht an, daß es sich um hochwertigste Röhrengeräte handelt, die bis in die 80er Jahre quasi als Norm-Verstärker in den Rundfunkstudios, versenkt in einem Gestell, störungsfrei ihren Dienst taten. Von vorn sichtbar war nur die mausgraue (RAL 7030) Frontplatte, beschriftet mit der Typenbezeichnung, der Fabrikationsnummer, dem Herstellerlogo und mit dem typischen hochglanzvernickelten Schnellspannhebel, nach dessen Lösen sich diese Kassetten in Sekunden ohne Werkzeuge und während des Betriebes austauschen ließen.

 

 

Bild: Verstäker-Magazin mit teilweise herausgezogener Verstärker-Kassette

 

Innerhalb einer solchen Kassette befand sich aber ein kompletter, mehrstufiger Röhrenverstärker mit Ein- und Ausgangstrafo, selektierten Bauteilen, diese wiederum einzeln numeriert, teuren Langlebensdauerröhren und: Einem eigenen Netzteil. Diese Geräte waren größtenteils in den 50er und 60er Jahren entwickelt worden von der Zentraltechnik des damaligen NWDR und für den Betrieb in ganz ARD-Deutschland mit 220Volt ausgelegt, da ein Export in andere Länder nicht beabsichtigt war. Der heutige Vorteil, daß sie ein eigenes Netzteil haben, liegt auf der Hand: Man kann sie „stand-alone“ betreiben. Gerade hierbei gilt es aber, einige wichtige Gegebenheiten zu beachten.

 

 

Bild: offener Verstärker

 

Beginnen möchte ich mit einem gerade für den Betrieb alter Röhrentechnik in der heutigen Zeit ganz wesentlichen Punkt: Der Netzspannungsversorgung. Bis 1987 betrug die Netzspannung in weiten Teilen Europas, auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 220 V mit einer Toleranz von ±10 %. Die jetzt in Europa gültige Nenn-Spannung von 230 V wurde in der internationalen Norm IEC 60038 von 1983 als Standardspannung festgelegt. Ab 1987 erfolgte dann eine Umstellung in mehreren Stufen auf 230 V. Die Toleranzgrenzen erstreckten sich zunächst zwischen +6 % und -10 %. Von 2009 an darf die Netzspannung von 230 V endgültig auch um ±10 % schwanken. Damit erstreckt sich der Nenn-Spannungsbereich von 207 Volt bis 253 Volt! Bei dieser neuen, oberen Grenze kann es für so manchen Röhrenklassiker ein frühzeitiges Ende bedeuten. Es fällt beim Studium von sämtlichen Firmenschriften, Mitteilungen, Fachbüchern und Daten-Tabellen der Röhrenhersteller (Telefunken, Valvo, Siemens etc.) auf, daß immer ein besonderes Augenmerk auf die Stromversorgung für die Kathodenheizung gelegt werden muß. Gerade hier, so die Hersteller unisono, sind Spannungsschwankungen in beide Richtungen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich für die Röhre. Ihrem Leben wird sehr schnell ein Ende gesetzt.

 

Bild: Handbuchauszug mit der Toleranzangabe für Röhren-Daten

 

Für die sogenannten Langlebensdauerröhren mit besonders eng tolerierten Daten gilt sogar eine Spannungsschwankung von maximal +-5%. Das heißt für die Heizung der klassischen E-Röhre mit einer Heiz-Nennspannung von 6,3 Volt, liegen die Grenzen für den längstmöglichen Betrieb zwischen 6 und 6,6 Volt. Wird ein solcher Verstärker heute am Netz betrieben, ergeben sich bereits bei 230 Volt zu hohe Versorgungsspannungen.

 

 

 

 

Bild: Eine Spannungssmessung der Heizung im Verstärker

 

Bei Überheizung tritt eine Zerstörung der Kathoden-Schicht durch Verdampfen ein, bei Unterheizung dagegen eine Verarmung an wirksamem Barium, hervorgerufen durch mangelnde Nachlieferung aus der Oxydschicht infolge un­zureichender Erwärmung. Schlimmstenfalls kann die Oberheizung zum Durchbrennen des Fadens führen. Es hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, daß ein Heizen an der unteren Toleranzgrenze der Röhre am wenigsten schadet.

 

 

 

 

 

Bild: Verbrauchte Kathoden-Schicht

 

Weitere empfindliche Bauteile bei diesen Geräten sind der Netz-Gleichrichter (meist der klassische Selengleichrichter) für die Anodenspannung und die Siebkondensatoren innerhalb des Verstärkers.

 

 

 

 

 

Bild: Schaltung mit markierten Elementen

 

Diese Teile reagieren empfindlich auf die neue (zu hohe) Spannung. Besonders kritisch ist es, wenn die Kondensatoren durch langes Lagern an Kapazität verloren haben und sich der Isolationswiderstand verringert hat. Erneuerung dieser Teile wirkt meist Wunder. Abhilfe für den normgerechten Betrieb des gesamten Verstärkers mit heutigen Netzverhältnissen schafft ein (meist kleiner) Spar-Trafo (Transformator mit einer Wicklung für 240 Volt und einer Anzapfung bei 220 Volt), da diese Einheiten eine Leistungsaufnahme von nur 8 – 12 Watt haben. Es lassen sich so mit wenig Aufwand auch mehrere Geräte betreiben. Durch diesen Spartrafo wird die Netzspannung relativ verlustarm und Netzstabil auf ca. 220 Volt +-10% heruntergesetzt. Besonders elegant sind Trafos mit Stellmöglichkeit.

 

 

Bild: Regel-Spartrafo mit 500 Watt Leistung

 

Bei der ersten Inbetriebnahme des so angeschlossenen Kellerfundes sollte aber dennoch genauestens auf die Temperaturverläufe der einzelnen Bauteile innerhalb des Gerätes geachtet werden: Die Röhren müssen warm werden – die anderen Bauteile dürfen es nicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Anschlußbelegung V74a aus Braunbuch

 

Eine Hilfe für Steckerbelegungen findet sich auch hier: http://www.irt.de/IRT/publikationen/braunbuch.htm. Gefahr droht, wenn Elkos sich erwärmen. Werden Sie aufgeheizt durch innere Kriechströme, können sie explodieren. Ihr Gerät arbeitete dann im „Single-Shot-Modus“. Weiter sollte beobachtet werden, daß in den Röhren nur die Kathode und nicht etwas anderes glüht. Wenn die Gitter leuchten, oder gar die Anode kirschrot wird, stimmen die Spannungen an den Elektroden nicht. Ursache sind auch hier meist „leckgeschlagene“ Kondensatoren. Schnelles Ausschalten rettet meist die Situation. Röhren sterben nicht so schnell wie Halbleiter – und: man kann den Fehler kommen sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Glühendes Gitter 2 – Röhre im Überlastbetrieb durch Bauteilefehler

 

Zur Fehlersuche und dessen Behebung hilft nichts anderes als das Ausmessen der gesamten Schaltung ohne Röhren. Oder haben Sie genug Ersatz-Röhren in der Schublade oder dem Schuhkarton? Wenn ja: sind diese „NOS“ oder gebraucht? Wenn sie nur gebraucht, aber nicht verbraucht sind, kann das Vorteile gegenüber „NOS“ haben. NOS“ steht bei Röhrengeräte-Liebhabern, die wenig Erfahrung haben, hoch im Kurs, denn es bedeutet „New Old Stock“. Diese Röhren sind sehr alt, gut gelagert, meist in verplombter Originalverpackung, der Glaskolben hat noch die weiße Beschriftung, es gibt einen unausgefülltem Garantieschein und die Kolben haben noch nie eine Verstärkung liefern müssen – und eben das kann ein großes Problem sein: Auch die beste Barium-Kathodenbeschichtung löst sich gerade dann langsam vom Nickelröhrchen, wenn kein Anodenstrom fließt. Will heißen: Die Röhren können in der Original-Verpackung mit der Zeit unbrauchbar werden.

 

Bild: Neue Röhre, deren Kathodenschicht abgefallen ist (A 408 für die Neumann-Flasche)

 

Nicht ohne Grund gab es bei den Rundfunkanstalten und der Deutschen Bundespost (hier sorgten Röhren in Verstärkern für die Verständigung über tausende Kilometer) die Dienstanweisung, Lagerröhren alle 6 Monate für einige Stunden in Betrieb zu nehmen, um das Ablösen der Kathodenschicht zu vermeiden. Sollte sich Ihr Klangveredler nun nach Inspektion, Kontrolle und Revision im Silent-Run-Modus befinden, können sie davon ausgehen, daß auch in der nächsten Zeit nichts Gravierendes mehr passiert. Dafür ist die Qualität dieser Geräte und der bisher nicht ersetzten Bauteile auch nach einem halben Jahrhundert einfach noch zu gut. Wenn Sie nun erfolgreich Ihre Produktion durch Ihren ehrwürdigen, restaurierten Klassiker mit glimmenden Röhren schicken, seien Sie nicht enttäuscht, wenn eine Veränderung des Klangs nur in Nuancen zu erkennen ist: Die gute alte Röhren-Studio-Technik glänzt nicht durch Vintage-Rauschen oder den zur Zeit in aller Munde berühmten „warmen Klang“. Die alte Technik ist – richtig restauriert und gewartet – so gut, wie vor 50 Jahren. Damals hat man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln analog genauso erfolgreich authentischen Klang erzielt, wie heute. Aber gerade diese Nuance, die Sie in Ihren Plug-Ins erst mühsam suchen müssen, haben Sie vielleicht im Keller liegen.

 

 

 

Wichtig:

Wer Röhrengeräte öffnet und allein daran arbeitet oder geöffnete unbeaufsichtigt betreibt, handelt fahrlässig.

Wir haben es hier mit lebensgefährlichen Spannungen zu tun!

Nie allein arbeiten!

Dem Kollegen zeigen, wo im Notfall die Stromzufuhr unterbrochen werden muß!