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Die Röhre ist „IN“!

 

Und das nicht nur auf der reproduzierenden Seite, in den Wohnzimmern der Hi-End-Fans, wo neue Röhrenverstärker die Lautsprecher betreiben; nein, auch auf der produzierenden Seite geht es heute wieder - „verstärkt“ - mit Röhre. Gemeint ist in diesem Fall die Röhre im allerersten Glied der Kette: im Mikrofonverstärker, der eigentlich nur ein Impedanzwandler ist.

Röhrenmikrofone sind grundsätzlich Kondensatormikrofone, deren Vater unbestritten Georg Neumann ist.

Neumann, ein Schüler des Pioniers der Studiomikrofone, Eugen Reisz, machte sich schon früh Gedanken über die Klangverbesserung der von Reisz produzierten Kohlemikrofone.

 

Reisz-Mikrofon von 1923

 

So konnte Neumann 1929 die Schallschwingungen, welche nichts Weiteres sind, als die Schwingungen der Luftmoleküle, fast trägheitslos in elektrische Schwingungen umsetzen.

Dies geschah mit einem mikroskopisch dünnen Häutchen, welches in einer Kapsel mit einer speziell gelochten (massiven) Gegenelektrode einen Kondensator bildete.

 

 

 

 

Kapsel eines Neumann U67

 

Dieser Kondensator wird nun durch die sogenannte Polaritätsspannung aufgeladen, und die Bewegung des Häutchens - der Membran -  verursacht eine Kapazitätsänderung die bei gleichbleibender Ladung eine Spannungsänderung am Kondensator, also der Kapsel, ergibt. Damit diese Ladung konstant bleibt, wird sie durch einen sehr hohen Widerstand aufrechterhalten. Der Kapselaufbau hat dadurch einen Innenwiderstand von mehreren hundert Millionen Ohm! In der Studiotechnik sind aber 200 Ohm üblich...

Um hier eine Anpassung zu erreichen, benutzte Neumann eine einzige Röhre!

 

 

Durch das Vakuum ist eine Röhre als hochohmiges Bauteil geboren, ein Halbleiter mußte erst dazu gemacht werden.

Dieses Prinzip nutzte Neumann in seiner von ca. 1930 – 1950 gebauten „Flasche“. Sie wurde dank ihrer außerordentlichen Klangeigenschaften schnell zum „Standard“.

Oben ist die abschraubbare Kapsel zu erkennen, und im unteren, weitaus größeren Teil, der mit einer glühlampengroßen Röhre bestückte „Verstärker“.

Kurz nach dem Kriege wurde diese „Flasche“ um ca. die Hälfte verkleinert. Es entstand das U 47, ein Mikrofon, welches gerade heute als „Legende“ bezeichnet wird. Dieses Mikrofon erhielt eine Doppelmembrankapsel und war somit das erste in seiner Charakteristik (Rundumempfindlichkeit) umschaltbare Mikrofon.

Neumann U47

 

 

 

 

 

In Zusammenarbeit mit der Zentraltechnik des damaligen N:W:D:R: wurde der Mikrofonverstärker erneut überarbeitet. Es entstand das Mikrofon „M49“, heute ein Klassiker, bei dem sich die Richtcharakteristik von Kugel über Niere bis zur Acht stufenlos einstellen läßt.

Neumann M49

Dieses Mikrofon wurde von 1951-1974, also wiederum mehr als 20 Jahre gebaut!

Das letzte von der Fa. Neumann entwickelte Röhrenmikrofon ist das sog. Studio-Standard-Mikrofon M 269, welches von 1962-1973 gebaut wurde.

 

 

 

Dieser Typ trug den Namen „M269“ oder „U67“ und die Gehäuseform wird heute noch unverändert für das moderne, mit Feldeffekttransistor bestückte „U87“ benutzt. Beim M 269 erkennen Insider die Schalterstellung „F“ unter der Kapsel. Diese Einstellung erlaubte die Fernbedienung der Richtcharakteristik vom Netzteil, also aus der Regie heraus!

 

Warum Röhren?

 

 Neumann  M 269

 

Die Röhren haben, bedingt durch ihren Aufbau, eine etwas andere Kennliniencharakteristik als die Halbleiter. Sie sind etwas „weicher“ bei der Signalumformung und auch in der Übersteuerung „angenehmer“ als ihre „kalten“ Kollegen. Das macht den Klang etwas runder, die Bässe sind ausgeprägter und die Höhen werden samtig, sie verlieren ihre Schärfe.

 

Dazu kommt weiter, daß gerade die großmembranigen Mikrofone eine angenehme Betonung auf die Präsenz legen. Staudruck bei ca. 7 kHz.

Einen besonderen Klang bekommt solch ein Mikrofon, wenn es aus nächster Nähe beschallt wird. Die Röhre erzeugt dann einen Klirrfaktor, der zweiten Harmonischen, welcher das Klangbild, besonders bei U-Musik, belebt. Bei Halbleitern hingegen finden wir die 3. Harmonischen, die das Klangbild rauher machen.                                                                                        

Warum sollte der Tonmeister einen „studio-Exciter“ einschalten, wenn dies sein Röhrenmikro ganz alleine kann? Die Verzerrungen (sie liegen bei ca. 1 - 3%!) ergeben den legendären „Sound“.

So wird in den Studios von den Tonmeistern das Röhrenmikrofon nicht nur für Gesang von Pop – Oper, sondern auch für die Abnahme von Trompete oder Schlagzeug eingesetzt. Es läßt sich heute mit keinem Klangprozessor, sei die Auflösung noch so groß, der Klang eines Röhrenmikros synthetisch erzeugen.

Hinzu kommt als „Klangsteller“ noch die Möglichkeit, die Richtcharakteristik eines solchen Mikrofons stufenlos zu verändern. (Siehe M49)

Hier ist dem Tonmeister ein Werkzeug an die Hand gegeben, welches es durch die gelungene Kombination aus der Physik des Schalls und der Elektronik erlaubt, auf andere Hilfsmittel für „Klangveredelung“ zu verzichten.

Röhrenmikrofone sind rar!

Dadurch, daß die Funkhäuser, die größten Abnehmer für Studiomikrofone, kurz nach der Einführung des Feldeffekttransistors (1970) von der Röhre Abstand nahmen, sind in den 70er Jahren viele Mikrofone verschrottet oder umgebaut worden. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, daß für jedes Mikrofon mit Röhre ein ganz spezielles Netzteil zur Speisung von Röhre und Kapsel benötigt wird. So fiel mit Einführung der Transistormikrofone eine ganze „Etage“ der heute sehr raren N52-Netzteile fort.

Eine Norm der Fa. Neumann aus dem Jahre 1971 erlaubt es, daß bis zu 100 Transistormikrofone aus einem Netzteil gespeist werden können. Der Anschluß eines beliebigen Mikros an eine Studioeinrichtung ist dadurch um ein vielfaches einfacher. Es handelt sich um die Phantomspeisung P48.

Die Fa. Neumann stellte, wie schon erwähnt, seit ca. 1974 keine Röhrenmikrofone mehr her.

Seit neuestem werden aber auch hier wieder Röhrenmikrofone gebaut.

Die größte Schwierigkeit beteht darin, eine heute noch lieferbare Röhre zu finden…

Bei der Fa. AKG, die in Österreich erst seit 1947 Kondensatormikrofone produziert, entschloß man sich schon im Jahre 1982 dazu, ein Röhrenmikrofon unter Verwendung der langjährigen Erfahrung, neu zu entwickeln.

Es entstand „TheTube“

 

welches auch schon rein äußerlich an das Design der 50er Jahre erinnert. Das Innenleben ist jedoch nach den letzten Erkenntnissen der Technik gefertigt. Die Röhre ist eine Triode aus der Raumfahrttechnik, die Kapsel ist die Doppelmembran aus dem transistorisierten C 414 P48. Man hat so für das legendäre C12, dessen Bild 1985 im Rahmen des „We Are The World“- Songs um die Welt ging eine würdigen Nachfolger geschaffen.

Das Mikrofon wurde hier nicht nur zur Aufnahme der Soli benutzt, sondern auch der Chor wurde mit 3 C12 aufgenommen. Bei diesem Mikrofon wurde die klassische Röhrenbauweise- ergänzt durch die Technologie der 80er Jahre - vereint.

Gerade heute in der Zeit der digitalen Mikrofone, habe manche Produzenten das Röhrenmikrofon als Instrument wiederentdeckt. Gibt es doch dem Klang einer Aufnahme – egal ob hochauflösend digital oder für das MP3- Format den Nimbus des analogen Gliedes in der Kette einer analogen Kunst den gewissen Halt zurück!

Ulli Apel